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Offener Brief zur Situation von Kindern und Jugendlichen in der Corona-Krise

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Hans-Peter Daub von der Dachstiftung Diakonie (C) Ulrich Stamm Hans-Peter Daub von der Dachstiftung Diakonie (C) Ulrich Stamm

GIFHORN/HANNOVER. In einem offenen Brief haben sich am Montag (06.07.2020) die Vorstände der Dachstiftung Diakonie Dr. Jens Rannenberg und Hans-Peter Daub an Sozialministerin Dr. Carola Reimann und Kultusminister Grant Hendrik Tonne gewandt,  um die aktuelle Situation von Kindern und Jugendlichen in der Corona-Krise darzustellen:

 

Sehr geehrte Frau Ministerin,

sehr geehrter Herr Minister,

 

mit jeder Woche wird der Widerspruch deutlicher: Für die meisten Bürger*innen kehrt eine neue Form von Normalität zurück. In der vierten Woche des Lockdown entwickelte das Ministerium für Arbeit ein Arbeitsschutzkonzept in Zeiten von Covid-19. Das ist seither Basis der Normalisierung des Arbeitslebens mit Produktion, Handel und – Schritt für Schritt – vielen Dienstleistungen.

Auch Freizeitbeschäftigungen Erwachsener kommen wieder in Gang – natürlich unter veränderten Bedingungen: Der Ball rollt, Restaurants und Kinos sind geöffnet. Auch der Sommerurlaub scheint für viele im Prinzip gerettet.

 

Ganz anders ist es nach wie vor für Kinder und Jugendliche. Nach wie vor sind die meisten Schulen und Kindertagestätten noch weit weg von jeder Normalität – und die Perspektive ist und bleibt ganz unsicher. Sport und Freizeit mit Minderjährigen unterliegt nach wie vor Auflagen, die sie nahezu unmöglich machen. Dabei ist lange hinreichend belegt, dass Kinder und Jugendliche weder besonders gefährdet sind noch andere besonders gefährden. Je jünger die Kinder, desto weiter weg sind sie vom Infektionsgeschehen. Keiner der lokalen Covid-19-Ausbrüche hat mit Kindern oder Jugendlichen als Überträger*innen des Virus zu tun.

 

Dennoch ist es wie ein Reflex: Immer, wenn irgendwo ein größeres Infektionsgeschehen diagnostiziert wird, sind Kindertagesstätten und Schulen die ersten, die – in der Regel weiträumig – wieder geschlossen werden. Während die Politik sich aus gutem Grund scheut, Geschäfte und Arbeitsstätten zu schließen, scheint hier der gesellschaftliche Preis hinnehmbar.

 

Wir fordern, dass mit dieser Logik jetzt Schluss ist. Auch Kinder sind Menschen mit Grundrechten. Auch wenn in der Krise schmerzhaft bewusst wird, dass Deutschland bis heute die Kinderrechtskonvention nicht vollständig umgesetzt hat und in eigenes Recht integriert hat. Deutschland hat die Konvention unterschrieben. Sie darf in der Corona-Krise nicht länger gebeugt werden.

 

Artikel 3 der Konvention formuliert in überzeugender Klarheit:

(1) Bei allen Maßnahmen, die Kinder betreffen, gleichviel ob sie von öffentlichen oder privaten Einrichtungen der sozialen Fürsorge, Gerichten, Verwaltungsbehörden oder Gesetzgebungsorganen getroffen werden, ist das Wohl des Kindes ein Gesichtspunkt, der vorrangig zu berücksichtigen ist.

 

Die Vorrangigkeit des Kindeswohls hat einen tiefen Grund und großes Gewicht: Auch wenn der gesellschaftliche Schaden der Gefährdung des Kindeswohls in einer tagespolitischen Betrachtung nicht ins Gewicht zu fallen scheint: Auf lange Frist ist er nahezu unermesslich. Viele Verletzungen der seelischen Gesundheit im Kindesalter sind nur noch schwer zu heilen, Behinderungen der Entwicklung im Jugendalter wirken sich ein Leben lang aus.

 

Darum fordern wir: Dem Wohl der Kinder und Jugendlichen muss ab sofort tatsächlich die vorrangige Berücksichtigung zukommen. Es muss darum alles geschehen, dass Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung, auch in der Corona-Krise, nicht behindert werden. Sie müssen in Freiheit mit anderen Kindern und Jugendlichen zusammenkommen können, sie müssen lernen und ihre Welt entdecken können. Kindertagesstätten und Schulen müssen wie andere sensible gesellschaftliche Bereiche und Einrichtungen eine besondere Unterstützung im Blick auf Schutzmaterial, Ausstattung und Tests erfahren. Und der Sommer 2020 muss auch für Kinder und Jugendliche, deren Eltern keinen Urlaub buchen können, Möglichkeiten bieten, etwas zu erleben und sich selbst auszuprobieren. Darum fordern wir insbesondere auch die Aufhebung der besonderen Beschränkungen für Freizeitmaßnahmen mit Kindern und Jugendlichen.

 

Schließlich rücken wir in den Blick der Aufmerksamkeit auch die Ausbildungs- und Bildungsstätten jenseits der Schulen. Wir begrüßen die Anstrengungen zum Erhalt und zur Rückgewinnung von Ausbildungsplätzen. Aber die Ausbildungsgänge müssen Freiheiten zurückgewinnen, dass sie auch in guter Qualität gestaltet und zu vollgültigen Abschlüssen geführt werden können. Das gilt mit gleichem Nachdruck für akademische Bildungsgänge, Berufspraktika und Austauschprogramme. Auch hier wurde mit wenigen Federstrichen die Entwicklungsperspektive junger Menschen in Frage gestellt, und es geschieht viel zu wenig, sie ernsthaft wieder herzustellen.

 

Die Corona-Krise wird die Lasten, die wir den Kindern und Jugendlichen für ihr weiteres Leben zumuten, erheblich steigern. Es ist eine gemeinsame Pflicht, mit äußerster Aufmerksamkeit und Anstrengung ihre Lebensperspektiven in den Blick zu nehmen und die Ausgangsbedingungen trotz Corona zu verbessern.

 

Mit freundlichen Grüßen

gez.

Hans-Peter Daub und Dr. Jens Rannenberg

Vorstand Dachstiftung Diakonie

 

sowie

die Geschäftsführungen im Handlungsfeld Kinder, Jugend und Familie

Diakonische Jugend- und Familienhilfe Kästorf

Diakonische Jugendhilfe Wendland

Stephansstift Förderschulen

Stephansstift Ev. Jugendhilfe

Stephansstift Kindertagesstätten und Familienzentren

 

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